Heute Früh bin ich, wie fast jeden Morgen am Haus der Heilsarmee vorbei. Dort – so denk ich mir das -kommen mittelose Menschen unter, finden also ein Dach über dem Kopf und können sich so ein bisschen besser ihrem Leben widmen.
Einem Leben, das nur noch aus Reden besteht. Ich weiß, ich weiß, viele würden da jetzt schreiben: Ein Leben, das nur aus Saufen besteht. Aber man kanns ja vielleicht auch mal positiv anders sehen.
Denn jedes Mal wenn ich eine Gruppe (und sie sind meistens in Gruppen) passiere, komm ich an an- und aufgeregten Gesprächen vorbei, von denen ich doch dann immer nur einen Bruchteil versteh. Ich versteh nicht viel, weil ich strammen Heimwärts-Schrittes oder müden Jobwärts-Schrittes an ihnen vorbei geh. Es geht um Traumfrauen, Fußball, Handys, oder richterliche Anhörungen.
Jedenfalls reden die Damen und Herren, während sie einen Flasche Bier, ein Tetra Pack Wein oder sonstiges Liquides in der Hand halten. Das Primäre Tun – so denk ich – ist also Reden. Man trinkt halt nur dabei. Das kennt man ja selber.Dies ist natürlich die positive Sicht.

Strategisch günstig hat sich gegenüber von der Heilsarmee ein Norma-Supermarkt einquartiert (oder was es vielleicht andersrum?). Hier stehen auch gern Grüppchen. Einen hab ich heute sogar mit einem T-Shirt gesehen mit der Aufschrift „Ich liebe Norma“. Das fand ich schön ehrlich.
Denn immerhin liefert dieser Norma den Alkohol fürs Reden.
Denn immerhin liefert er diesen Alkohol billiger als der Marktkauf weiter oben, oder der Plus weiter unten in der Straße.
Denn immerhin sitzen an der Norma-Kasse Damen, die demütig von den alkoholisch- herausgeforderten Heilsarmeelern „Chefin“ genannt werden. Ein Zeichen von Respekt und Unterordnung. Denn die „Chefin“ muss ja schließlich das Pfand auszahlen mit dem man sich dann wieder etwas zu trinken kaufen kann. Und dies mehrmals am Tag.
Ich komm eigentlich nur grad drauf, darüber zu schreiben, weil es www.replate.org gibt. Eine Website, die es sich zum Anspruch gemacht hat, das Hungerelend mit dem Wegwerfwahnsinn in den amerikanischen Großstädten auf positive Art und Weise zu verbinden. In Amerika gibt es ja schließlich auch Grüppchen, die Reden während dem Saufen.


