
„Und dann die Fix-Kosten von mehreren hundert Euro jeden Monat! Eigentlich sollte ich schließen.“ – Ich saß gerade im Kino in C. In einem kleinen Kino in C, welches ich nur durch einen aufmerksamen Zufall gefunden hatte. Ich saß schon seit einer halben Stunde in der Lobby dieses Kinos und die Aussicht an diesem Abend einen Film zu sehen war bei Null.
Denn ich unterhielt mich seit einer halben Stunde mit der Kinobesitzerin. Einer – ich würd mal sagen – 75jährigen Dame, die ich kreuzworträtselspielenderweise im Foyer des Kinos vorfand. Ich möchte sie Kinoperle nennen.
Nachdem ich sagte, ich sei hier um den Film zu sehen, bat die Kinoperle mich, mich hinzusetzen. Ich sei bislang der einzige Besucher, so sagte sie. Vielleicht kommt ja noch jemand, so meinte sie. Also nahm ich Platz und saß erstmal da.
Als ich so da saß, kamen wir ins Gespräch und wurden auch nicht gestört, da sich niemand mehr an jenem Abend in das Kino verirrte. Dies war Kinoalltag, denn die liebenswerte Kinoperle erzählte mir von der anhaltenden Flaute in ihrem Kino und von ihrem Schwiegervater der dieses Kino eröffnet hatte. Sie erzählte mir von ihrem Filmvorführer, der auch nicht immer für die Achtuhr Vorstellung kommt. Sie erzählte davon, dass immer nur „Leute von auswärts, wie Sie“ sich in ihr Kino verirrten. Sie erzählte davon, dass sie interessante Filme gar nicht mehr vom Verleih bekommt und davon, dass auch wenn sie mir jetzt einen Film zeigen würde, dies kein wirkliches Zusatzgeschäft wäre, sondern eher Minus. Im Endeffekt erzählte Sie mir die Geschichte eines Kinos, welches höchstwahrscheinlich die längste Zeit existiert hatte.
Nach einer Stunde Gespräch mit Kinoperle verfluchte ich die Fixkosten, ich verfluchte die Bewohner von C., die sich womöglich alle ihre Filme illegal zogen und so der Kinoperle ihre wirtschaftliches Überleben unmöglich machten. Cinematophobes Pack!! Ich verfluchte die Senioren der Stadt, die auch nicht mehr zahlreich zu den Seniorenmatinees kamen, obwohl es dort Kaffee und Kuchen gab. Und ich verfluchte mich, weil ich ihr auch nicht wirklich helfen konnte.
Wir redeten also eine Stunde lang und nach einer Stunde ging ich wieder. Nach mir machte sie das Gitter vor die Tür. „Hilft ja alles nichts“ sagt sie und mein „Das wird schon“ war zwar von ganzen Herzen, aber fühlte sich in diesem Moment auch äußerst schwach an. Es war halt das, was man so sagt. Man glaubte nicht daran.
Ich ging in eine Kneipe und war traurig
Paar Tage später war ich wieder in diesem Kino. Kurz vor Acht. Diesmal waren wir zu Dritt in der Lobby. Die Kinoperle, eine Freundin der Kinoperle und ich. Ich bekam Kaffee und erzählte meine Eindrücke von der Stadt. Bis viertel nach Acht kam kein weiterer Cineast hinzu. Da zwei aber mitunter eine kritische Masse sein können, wollte uns Kinoperle den Kinoabend nicht verwehren und so stand Odette Toulemonde und mir nichts mehr im Weg.
Wir gingen in den großen 200-Sitze-fassenden Saal. Es war kalt, aber ich wollt mich ja nicht beschweren, hatte ja auch einen Mantel an.
Der Film war nicht gut. Kinoperle tauchte während des Films immer an verschiedenen Orten im Kino auf. Ich glaube sie kontrollierte die Heizung. Denn im Kino wurde es zum Ende des Filmes hin sehr sehr warm. „O Gott die Heizkosten“ dachte ich und rutschte tiefer in den Kinosessel, von meinem Kostenträgergewissen erdrückt.
Am nächsten Tag erzählte mir jemand, dass die Kinoperle ihrem Mann am Sterbebett versprochen hatte, das Kino weiterzuführen. Vielleicht mit den Worten „Komme was wolle“. Dies erklärt warum das Kino noch offen ist und die Kinoperle weiter jeden Abend auf Gäste wartet, während sie Kreuzworträtsel löst.
Frage mich, ob ich auch mal am Sterbebett jemanden etwas versprechen werde, was mein Leben so beeinflusst und was ich einhalten werde: Komme was wolle.
Schlagworte: Kino
Dezember 9, 2007 um 9:29 |
Ich wine gleich, aber gut.
Dezember 10, 2007 um 3:33 |
„O Gott die Heizkosten“ dachte ich und rutschte tiefer in den Kinosessel, von meinem Kostenträgergewissen erdrückt.
Die Frage ist nun, wurdest du von deinem Kostenträgerwissen oder deinem Kostenartenwissen erdrückt?
Kostenarten sind also Personalkosten, Wartungs- und Betriebsmittelkosten, Zinsen, Administrations-, oder Marketingkosten und anderes. Dabei kann eine vielschichtige Staffelung vorgenommen werden.
Die Kostenarten werden in der Vollkostenrechnung auf die Kostenträger verrechnet. Dies geschieht entweder direkt, etwa durch Materialeinsatz, Arbeitsstunden, oder indirekt über die Verrechnung über Kostenstellen. Man kann Kostenarten auch in Einzelkosten und Gemeinkosten, oder auch fixe Kosten bzw. variable Kosten, unterteilen.
Ein Kostenträger ist ein Bezugsobjekt, dem in der betriebswirtschaftlichen Kostenrechnung Kosten zugerechnet werden.
Dabei müssen unterschieden werden:
* Gemeinkostenträger, welche die Kosten von innerbetrieblichen Leistungen, Projekten oder Prozessen sammeln, ohne dass diese jedoch zum Absatz von diesen Leistungen am Markt und damit umsatzwirksamen Erlösen führen.
* Absatzorientierten Kostenträger, sogenannten Ergebnisobjekten, denen neben den leistungsbezogenen Kosten auch die erzielten Erlöse aus Umsatz zugeordnet werden. Hier entspricht der Kostenträger zugleich einem Erlösträger und bildet in einer Ergebnisrechnung eine Ware oder Dienstleistung ab, die am Markt abgesetzt wird, oder als marktgängiges Produkt als Fertigfabrikat ins Lager geliefert wird. Damit wird die Kostenträgerrechnung ein Teil der Kosten- und Leistungsrechnung.
Dezember 10, 2007 um 3:34 |
Ich weine mit LG und der Perle, C hat so viel mehr Herz als B, hoffe du hast noch eine gute Zeit dort! Freu mich aber schon auf R oder N, schöne Woche!
Dezember 10, 2007 um 10:38 |
@klugscheisser: Mooment. Also erstmal danke für den geposteten Wikipedia Artikel.
Aber das ganze verhält sich doch folgendermaßen: Ich spreche von KostenträgerGEWISSEN. Nicht Wissen. Weder mein Kostenträgerwissen noch mein Kostenartenwissen können mich jemals erdrücken.
Aber kann ich mich denn nicht – rein literarisch – als Kinogeher als Kostenträger sehen? Bin ich denn nicht DAS Bezugsobjekt für Kinobetrieber schlechthin?. Ich denke schon.
Dezember 10, 2007 um 10:58 |
Soooo ein schöner Beitrag … frohlocket und jauchzet den literarischen Ergüssen!!!
… irgendwas anderes will ich hier gar nicht lesen, außer Jubelstürme!!!
Echt schön … und passend zur besinnlichen Weihnachtszeit!
Gegrüßet seist du in C.
Dezember 10, 2007 um 7:05 |
Schoene Geschichte, die doch recht beruehrend ist.
Auch schoen zu sehen, dass es noch vereinzelt kleinere Kinos gibt, die mit Herz dabei sind. Klar, ob es hier was nuetzt ist die andere Frage.
Dezember 11, 2007 um 8:19 |
Oh ja oh ja, da verdrücke ich mit LaGerdau und dem Bock und der Perle doch auch ne dicke fette Träne. Ich weiß schon, was wir am Dienstag in C. so anstellen werden… Ich glaub ich habe Lust darauf, den ganzen Saal zu mieten und mit dir nen Film zu gucken
Ich weiß, ein Tropfen auf den heißen Stein, aber ich glaub ich würd mich gut fühlen…obwohl, ich rechne grad… meinst du man kann nur den Viertelten mieten?
Dezember 13, 2007 um 8:12 |
Schade, doch leiter ist das Alltag im kapitalistischen Deutschland. Das Problem ist doch im Grunde, dass man Dinge wie Erfahrung oder Sympathie nicht in Zahlen oder Variablen verpacken kann. Die Konsumwelt wird immer mehr entmenschlicht.
MfG
Daniel