Ein Fernsehabend

achtung-aufnahme.jpg

Da saßen S. und ich nun in der zweiten Reihe einer Produktion fürs Nischenfernsehen und warteten auf die Aufnahme.

Wir saßen auf Plätzen, die uns von einer headset- und clipboard-tragenden Blondine zugeteilt wurden. Für Clipboard-Blondie waren wir offenbar Zweitereihematerial. Dies freute uns erstmal, auch wenn wir in Panik in die Kameralinse vor uns blickten.

Als aber eindeutiges Neuntereihematerial neben uns Platz nahm, sahen S und ich die zweite Reihe nicht mehr als Beweis unserer Telegenität, und diese kleine Freude verschwand dann auch. Von da an wirkte die Kameralinse umso bedrohlicher.

Das Schicksal – in Form des Internets – hatte uns an diesem Abend zu dieser Aufzeichnung gelotst. Was aufgezeichnet wurde, klang eigentlich ganz gut: Eine lustige Poetry Musik Revue aus dem Admiralspalast, mit dem Besten, was die Berliner Lesebühnen zu bieten haben. Es klang so gut, dass wir beiden kamerascheuen Fernbedienungsfanatiker uns in das Studio wagten und ich einem meiner Lebensmottos sogar untreu wurde: „Vermeide Kameras!“

Ich möchte es vorwegnehmen: Diese Sendung war eine ganze Enttäuschung. Irgendwann raunte S. etwas von „ …Bein ausreißen, um lachen zu können“ und ich war knapp davor meinen Kopf aus Humor-Verzweiflung den Rest der Sendung an das Geländer neben mir zu schlagen.

Ich gebe es zu, manchmal lachte und schmunzelte ich. Ich hatte Angst, dass die Stimme der Aufnahmeleiterin sich mit den Worten melden würde: „ Kann das kaugummikauende Arschloch in der zweiten Reihe bitte endlich lachen. Er ruiniert die Show und gefährdet so Arbeitsplätze“. Show ruinieren wäre ja in Ordnung gewesen, aber ich wollte dann doch keine Jobs auf dem Gewissen haben. Ich lachte also für Clipboard Blondie oder für den Kabelträger-Jungen. S., so sah ich aus dem Augenwinkel, verhielt sich ebenso professionell, arbeitsplatzsichernd und lachprostituierend.

Als die erste Sendung „im Kasten war“ und bevor es mit der zweiten Sendung weiterging, nahmen S. und ich schnell Reißaus. Ich hinterließ ein benutztes Tempotaschentuch als stillen Ausdruck meiner Kritik: Die Sendung war Rotz.

Als S. und ich 3 Stunden später völlig hysterisch und von Lachkrämpfen gebeutelt den Mehrwertfernsehsender Kanal Telemedial und das skurrile OrangeTable Team anschauten, fand der Abend doch noch einen Lach-Höhepunkt. Und eins war in diesem Moment klar: S. und ich gehörten nicht in die Glotze, sondern vor die Glotze.

 

 

Advertisements

Schlagwörter:

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: