Private Viewing

Ganz allein bin ich. Niemand in nächster Nähe. Ich ganz allein vor dem Bildschirm, sitzenderweise auf einer IKEA Couch, die definitiv die besten Tage hinter sich hat. Ich hoffe das gilt nicht für die deutsche Nationalmannschaft.

Es ist kurz nach halb neun. Herr Netzer redet. Stelle mir Herrn Netzer in Trainingsanzug und mit Dosenbier im Stadtpark vor. Habe keine Probleme mir dies vorzustellen. Menschen in Stadtparks mit Trainingsanzug und Dosenbier schauen oft aus wie Herr Netzer. Die haben diesen hingekämmten Scheitel, auf den sie mindestens genauso aufpassen, wie auf ihr Dosenbier.

Noch 10 Minuten bis zum Anpfiff. Frage mich, ob ich mich aufwärmen soll. Aber ich denke die Jubelfaust oder das frustierte Schlagen auf die Couch bekomme ich auch unaufgewärmt hin.

Noch 5 Minuten. Und wieder mal fasziniert es mich, dass The White Stripes’ „Seven Nation Army“ es in den Kanon der Fangesänge geschafft hat. Sehe dies als musikalischen Aufstieg, wenn man bedenkt, dass „Go West“ der Pet Shop Boys es auf die Fantribünen schaffte.

1. Minute: Anpfiff: Ich bin fix und fertig. Gottseidank steh ich nicht auf dem Feld. Wäre keine große Hilfe. Merke gleich jetzt am Anfang, dass mein Fernseher eindeutig zu klein ist. „Hart aber Fair“ geht noch zu gucken, aber für Fußball sollte er größer sein. Ich bin Public Viewing verwöhnt.

Apropos „Hart aber Fair“. Sollte ein Motto sein für heut Abend.

4. Minute: Gomez kommt nicht zum Ball. So was von nicht. Kommentator (K.) meint nach dieser Chance, die Österreicher seien nun beeindruckt. Ich bin es noch nicht. Ich bin eher beeindruckt, dass mein Wein schon leer ist. Eindeutig zu früh aufgemacht. Soll mir im Viertelfinale nicht noch mal passieren, dieser Fehler.

11. Minute: Rene Aufhauser bremst Michael Ballack. Schreibe dies nur, weil dieser Moment ansonsten in Vergessenheit geraten würde. Wie oft Herr Aufhauser wohl Herrn Ballack noch bremsen wird?

13. Minute: Sehr guter Angriff von uns laut K. Prompt folgt ein Eckball der Österreicher. Fühle, wie ich verkrampfe, wenn der Ball in unsere Spielhälfte kommt. Deute das als kein gutes Zeichen.

17. Minute: Schlechte Abstimmung der deutschen Abwehr sorgt für schlechte Stimmung hier auf meiner IKEA Couch.

20. Minute: Denke an morgen. Wenn wir gewinnen wird es lustiger in der Arbeit. Man zwinkert sich zu, man schwärmt von Donnerstag und dem Viertelfinale und wie jetzt alles möglich sei. Wenn wir verlieren, wird es weniger lustig. Man redet von Donnerstag und von der Deadline, die einzuhalten sei. Kein Augenzwinkern weit und breit.

26. Minute: Wie redet eigentlich Herr Podolski mit dem spanischen Schiedsrichter. Wie gut ist Herrn Podolskis Englisch? Kann er überhaupt den Sachverhalt dem Schiedsrichter erklären? Ich hoffe, dass irgendwann alle Spieler mit Mikrofonen ausgestattet werden, dann kann ich mir bei Premiere wählen, welchen Ton ich haben möchte, und dieses Geheimnis wird gelüftet. Ganz neues Fußballerlebnis: „He. Foul. Me. Fuck“

32. Minute: Herr Klose bekommt keinen Druck mehr hinter den Ball.

40. Minute: Der Herr Löw schimpft mit dem Österreicher Trainer. Wie wild. Ui,. jetzt muss er gehen. Auf die Tribüne. Ich fass es nicht. So kennt man den Jogi gar nicht.

Halbzeitpause: Ich hab Angst vor der zweiten Halbzeit.

Herr Buhrow zur Halbzeit. Herr Buhrow und seine Tagesthemen. Bringt einen immer wieder zurück ins wahre Leben. Fehlpässe und eine schlechte deutsche Innenverteidigung sind ein ziemlich kleines Problem im Kosmos der Weltprobleme.

46.Minute: Es geht weiter. Oh gott.

47.Minute: Toor’sen!! Der Herr Ballack der Halodri. Kaum sagt K, was von Merkel und einer SMS, wo drinsteht, dass Ballack ein Tor macht, schon macht dieser ein Tor. Wahnsinn.

Ich drück aus Begeisterung mehrmals die Return Taste.

53. Minute: K. sagt die Österreicher haben noch 37 Minuten für die Wende. Das kann nicht klappen. Wir haben 40 Jahre für die Wende gebraucht! Bezweifle, dass der Österreicher das schneller schafft.

55. Minute: Dies ist also der großer Zeitpunkt des Hansi Flick. Der steht da unten und weiß gar nicht, wie im geschieht. Oder träumt man als Assistenz Trainer von dem Moment, wo der Cheftrainer auf die Tribüne verbannt wird?

59. Minute: Favorisiere gerade die Idee des vorzeitigen Abpfiffs. Hansi Flick favorisiert die Einwechslung des Herrn Hitzelsberger.

65. Minute: Es ist gerade die 65.Minute.

73. Minute: Wiederhole gebetmühlenartig diesen einen Satz: „Wir führen einszunull. Wir führen einszunull….“ Aber es hilft nicht, mich zu beruhigen.

82. Minute: Noch 10 Minuten oder so. Schlimm. Die Österreicher unermüdlich nach vorn. I wer narrisch!.

83. Minute: K. wagt einen Blick nach vorn. Zum Spiel gegen die Portugiesen.. Oh man, ich hoffe, er weiß was er macht. Bitte nicht verschreien. K fängt immer wieder Sätze an mit : „Es sieht danach aus, dass..“ Das kann er sich sparen…. Meiner Meinung nach, siehts danach aus, dass nach nichts aussieht.

93.Minute: Es reicht. Bitte.

94.Minute: Kommentar K., der das ganze Spiel zusammenfasst: „Neuville… Machs alleine!… Jaa… Neiiin…. Den muss er doch machen!“

Abpfiff: Cordoba, mein Arsch.

Das war’s dann. Donnerstag, schau ich wieder Public.

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Eine Antwort to “Private Viewing”

  1. BockvomGärtner Says:

    Habe auch das Private Viewing vorgezogen, mir aber erst nach dem Spiel gedanken über Netzers Frisur gemacht… komisch, wenn wir beide das schon so überlegen, ob 80 Mio andere das auch gemacht haben?
    Schee wars nicht und jetzt muss ich mir das nächste Spiel mit Stuttgarter Kollegen auf einer Almhütte anschauen. Wo ich doch immer so über Lehmann und Gomez mecker, kommt bestimmt nicht gut beim Chef…

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